Nachts, zwischen zwei und drei

für Sopran und Streichorchester

Tim Krohn, Text

Auftrag des Weinberger Kammerorchesters

Uraufführung im September 2009 in der Tonhalle Zürich

Sandra Trattnig, Sopran

Gábor Takács-Nagy, Leitung

Weinberger Kammerorchester

Tim Krohns Gedicht beschreibt die Transformation von einer konfliktgeladenen Situation mit schmerzvollen Gefühlen zu einem Zustand des Friedens und der Harmonie.

Er nimmt unmittelbar Bezug auf das Gedicht „Verklärte Nacht“, welches Richard Dehmel Ende des vorletzten Jahrhunderts geschrieben hatte und den jungen Arnold Schönberg zum gleichnamigen Sextett anregte – es sollte sein berühmtestes und meistgespieltes Werk werden. 

Die Musik über „Nachts, zwischen zwei und drei“ für Sopran und Streichorchester folgt dem Gedicht über seine fünf Strophen – es ist eine Poesievertonung im klassischen Sinn. Die Textverständlichkeit ist wichtig, und die Musik steht nicht in Konkurrenz zum Text, sondern sollte mit diesem eine symbiotische Einheit bilden.

Die im Gedicht spürbare Transformation  - ein anderes Wort dafür wäre auch Verklärung –  findet auch auf rein musikalischer Ebene statt und lässt etwas von der universellen Bedeutung dieser Thematik erahnen: Der Weg vom dunklen Chaos zum durchscheinenden Licht.

Wie Tim Krohns und übrigens auch Richard Dehmels Poesie macht auch die Musik eine Evolution in fünf Stufen durch. „Vor“ der eigentlichen Evolution befindet sich die Musik in einem traumähnlichen, zeitlosen Zustand, die Stimme ist einfach, es geschieht (noch) nichts. Dann erklingen fünf Stufen der Transformation, die den fünf Strophen des Gedichtes entsprechen:

Chaos und Dunkelheit: rasch, aber ziellos umherschwirrende Stimmenteilchen bilden eine dunkle, chaotisch vibrierende Wolke, wodurch die Stimme allein und verloren irrt. Es gibt weder oben noch unten, weder vorher und nachher. Das Orchester ist aufgesplittert in 25 Einzelstimmen, harmonische Zusammenhänge entstehen nur kurz und fallen gleich wieder auseinander.

Die Stimmenteilchen beginnen zu verklumpen und bilden grössere Strukturen, es fehlt aber noch immer eine vertikale Ordnung, es gibt keinen Himmel und keine Erde. Ein Puls erscheint, der sich aber immer wieder in der Weite des Raumes verflüchtigt. Die Stimme hinterlässt leichte Spuren im orchestralen Klangkörper wie ein Steinchen, das auf eine Wasseroberfläche fällt und auseinanderdriftende Kreise entstehen lässt. Die Harmonik ist immer noch diffus, lässt aber bereits Licht durchscheinen, ist also wahrnehmbar, und ist weniger dicht gehalten als im ersten Stadium.

Die Evolution lässt das physikalisch dominierte Anfangsstadium zurück. Melodien und lebendige Rhythmen tauchen auf. Die Stimme und das Orchester bilden nun eine organische Einheit, es existiert nun sowohl ein Oben und Unten, als auch ein gerichteter Zeitpfeil – die Musik hat nun auch ein Gedächtnis (Vergangenheit) und eine Vision (Zukunft). Der Rhythmus fliesst nun dynamisch. Die Harmonik wird durch warme Terzen angereichert. 

Die Musik beruhigt sich, die Harmonik wird weicher und verliert langsam ihre Dissonanzen. Leichte rhythmische Wellen tragen die Stimme. Intensive Gefühle weichen einer ruhigen Gelassenheit. Das Orchester wird transparenter und einheitlicher.

Der Zeitfluss (=griech. „Rhysmos“, Rhythmus) mündet in den Ozean des Klanges, die Melodie ruht auf einem Ton, die Harmonik ist nun klar und durchscheinend. Ganz leise ist ein pochendes Herz zu hören.

 

Nachts, zwischen zwei und drei

Die halbe Nacht lang haben wir gestritten

Über lauter Nichtigkeiten

Weil ich nicht zu sagen wagte …

Nachts um zwei 

(Vor dem Fenster steht

schon der kleine Bär)

Sag ich endlich:

Ich bin schwanger, doch

Es ist nicht von dir

 

Danach liege ich entblösst von allem

Steht er auf? Wie lässt er mich zurück?

Das Kind ist noch aus einem andren Leben

Ich will nicht 

Ich kann nicht

Zurück

 

So unerwartet kam die Liebe

So klar, so heftig, so verzaubernd

Alles ging so schnell

Erst 2, dann 2, jetzt plötzlich 4, gleich nur noch anderthalb

 

Es wird drei, bis er sich endlich regt

Und  eine Zigarette raucht

Das war meine letzte, sagt er dann, mehr nicht

Ab morgen müssen wir vernünftig sein

Für unser Kind

Er faltet seine langen Glieder

Rollt sich zusammen

Legt den Kopf in meinen Schoss

Und bittet, lass mich noch paar Stunden schlafen

 

Während ich der letzten Locke Zigarettenrauch nachsehe

Und den Frieden wachsen fühle, welchen Frieden!

Schläft er schon.

Ach, unser Kind …