missa empathica

Die missa empathica wurde im Auftrag des Kirchen- und Oratorienchors Wädenswil und dessen Dirigent Felix Schudel für das 125-jährige Jubiläum des Chores geschrieben. Sie ist sowohl dem Dirigenten, dem Chor als auch unserer Zeit gewidmet.

Inspiration durch den Dirigenten

Nach einem inspirierenden Gespräch mit dem Dirigenten reifte schliesslich die Idee, drei der gewichtigsten Texte in Französisch, Deutsch und Englisch über das Thema Toleranz zu vertonen. Diese drei Vertonungen sind eingebunden in das lateinische Ordinarium missae.

 

Geburtshaus der Musik: Die Messe

Seit fast 2000 Jahren werden Teile der Messe vertont, und seit knapp 700 Jahren wird das Ordinarium ganz vertont. Neben der spirituellen Bedeutung fungierte das Ordinarium missae auch über tausend Jahre lang als Gefäss, worin sich die westeuropäische Musik so grossartig entwickeln konnte. Mich faszinieren also am Ordinarium nicht nur die Schönheit der lateinischen Sprache und der tiefe Glaube, sondern auch das musikalische Gebäude.

 

Drei Texte über die Toleranz in drei Sprachen

Zwischen diesen liturgischen Teilen werden je ein französischer, ein deutscher und ein englischer Text vertont. Auch das hat Tradition, denn zwischen den festen Messeteilen des Ordinariums werden auch variable Teile des Propriums vertont. Alle drei Texte stehen für die Toleranz ein und sind selbst Teil der Geistesgeschichte geworden.

 

Voltaires Donnerschlag

Der älteste Text stammt von Voltaire. Er schrieb ihn 1763 und nannte ihn Traité sur la Tolérance. Er wehrt sich darin gegen einen grässlichen Justizmord in Südfrankreich, als ein Hugenotte allein wegen seines Glaubens öffentlich zu Tode gefoltert wurde. Diese Schrift schlug weltweit hohe Wogen und ist zentral für die Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Sie endet mit dem Gebet Prière à Dieu, welches hier vertont wurde. Der Sopran singt zusammen mit dem Alt, leise schattiert von Chor und Teilen des Orchesters. Die Jahreszahl 1763 dient als Code für den zugrunde liegenden Rhythmus, der wie ein Mantra durch diesen Satz hindurch gewoben wird.

 

Die Ringparabel

Der deutsche Text stammt aus dem Drama Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing und bildet das Herz der Ringparabel, wo Nathan dem Sultan das Wesen der Toleranz erklärt. Nathan symbolisiert dabei Moses Mendelssohn. Der Grossvater des berühmten Komponisten Felix Mendelssohn war eine wichtige Figur der deutschen Aufklärung. Der Tenor steht für den Sultan, der Bass verkörpert Nathan. Wichtig in diesem Satz sind die stehenden Spannungs- oder Konfliktklänge, die durch die auf- und absteigende Bassstimme immer wieder aufgelöst werden. Schliesslich singt, quasi entpersonifiziert und entrückt, der Chor die Einsicht des Sultans.

 

Gelebter Traum

Heutzutage am bekanntesten ist die legendäre Rede über die Toleranz, welche Martin Luther King vor 50 Jahren in Washington hielt. Das rhetorische Glanzstück des Jahrhunderts gewinnt durch das immer häufiger wiederholte I have a dream einen Sog, dem sich niemand entziehen kann. Entfernt an einen Rap anspielend, wird dieser rhythmisch dominierte sechste Teil der missa empathica vom Tenor gesungen, im antiphonalen Wechselspiel mit dem Chor. Das Orchester, speziell das Klavier, bildet den pulsierenden Hintergrund.

 

Ausklang in die Stille

Als gesungenes Mantra endet dann das siebenteilige Werk; das Agnus Dei wird von einer sanft fliessenden Harmonik in die Stille hinein begleitet.

Besetzung:

Solisten SATB

Chor SATB

Orchester 2, 2, 2, 2 – 2, 2, timp, Klavier

Kyrie

Kyrie eleison.
Christe eleison.
Kyrie eleison.

Herr, erbarme dich.
Christus, erbarme dich.
Herr, erbarme dich.

00:00 / 04:52

Prière à Dieu
Voltaire: Traité sur la Tolérance (1763) – Auszug

Ce n'est plus aux hommes que je m'adresse ; c'est à toi, Dieu de tous les êtres, de tous les mondes, et de tous les temps : s'il est permis à de faibles créatures perdues dans l'immensité, et imperceptibles au reste de l'univers , d'oser te demander quelque chose, à toi qui as tout donné, à toi dont les décrets sont immuables comme éternels, daigne regarder en pitié les erreurs attachées à notre nature ; que ces erreurs ne fassent point nos calamités.

Que toutes ces petites nuances qui distinguent les atomes appelés hommes ne soient pas des signaux de haine et de persécution.

Puissent tous les hommes se souvenir qu'ils sont frères ! qu'ils aient en horreur la tyrannie exercée sur les âmes, comme ils ont en exécration le brigandage qui ravit par la force le fruit du travail! Et employons l'instant de notre existence à bénir également en mille langages divers, depuis Siam jusqu'à la Californie, ta bonté qui nous a donné cet instant.

Nicht mehr zu den Menschen, zu Dir wende ich mich, Gott aller Wesen und aller Zeiten! Wenn es schwachen Geschöpfen, die sich im Unermesslichen verlieren und von dem übrigen Teile des Weltalls nicht einmal bemerkt werden, erlaubt ist, Dich um etwas zu bitten, Dich, der Du alles gegeben hast, Dich, dessen Gesetze unwandelbar sind und ewig: siehe mitleidsvoll herab auf die Irrtümer unsrer Natur! Lass diese Irrtümer nicht unser Elend werden!

Dass alle diese kleinen Abweichungen der Atome, die sich Menschen nennen, nicht Losungszeichen des Hasses und der Verfolgung werden!

Möchten doch alle Menschen sich erinnern, dass sie Brüder sind! Möchten sie doch alle Tyrannei über die Seele ebenso wie den Strassenraub verabscheuen, der ihnen die Früchte ihrer Arbeit nimmt! Lass uns den Augenblick unsers Daseins anwenden auf gleiche Weise, in tausend andern, verschiednen Sprachen, von Siam bis Kalifornien, Deine Güte zu preisen, die uns diesen Augenblick gegeben hat!

00:00 / 04:30

Gloria

Gloria in excelsis Deo
et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Laudamus te,
benedicimus te,
adoramus te,
glorificamus te.
Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam, Domine Deus, Rex caelestis,
Deus pater omnipotens.
Domine Fili unigenite, Iesu Christe,
Domine Deus,Agnus Dei, Filius Patris;

qui tollis peccata mundi, miserere nobis;
qui tollis peccata mundi,
suscipe deprecationem nostram; qui sedes ad dexteram Patris, miserere nobis.

Quoniam Tu solus Sanctus, Tu solus Dominus,
Tu solus Altissimus.

00:00 / 03:55

Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.
Wir loben dich,
wir preisen dich,
wir beten dich an,
wir rühmen dich.
Wir danken dir, denn gross ist deine Herrlichkeit:
Herr und Gott, König des Himmels,
Gott und Vater, Herrscher über das All
Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus.
Herr und Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters,
der du nimmst hinweg die Sünde der Welt:
erbarme dich unser;
der du nimmst hinweg die Sünde der Welt:
nimm an unser Gebet;
du sitzest zur Rechten des Vaters:
erbarme dich unser.
Denn du allein bist der Heilige,
du allein der Herr,
du allein der Höchste.

Die Ringe

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise – Ringparabel (1779)

Sultan, Tenor

Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte, Dass die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären. Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank! 

Nathan, Bass
Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht.
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte? Geschrieben oder überliefert! – Und Geschichte muss doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? – Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen? Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo Getäuscht zu werden uns heilsamer war? – Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. – Kann ich von dir verlangen, dass du deine Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? –

Sultan, Tenor

Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht. Ich muss verstummen.

00:00 / 04:22

Sanctus

Sanctus, sanctus, sanctus
Dominus Deus Sabaoth.
Pleni sunt coeli et terra
gloria tua.
Hosanna in excelsis.
Benedictus
qui venit in nomine Domini.
Hosanna in excelsis.

Sanctus, sanctus, sanctus
Dominus Deus Sabaoth.
Pleni sunt coeli et terra
gloria tua.
Hosanna in excelsis.
Benedictus
qui venit in nomine Domini.
Hosanna in excelsis.

00:00 / 02:22

I have a dream today

Martin Luther King (1963) – Auszug

I say to you today, my friends, so even though we face the difficulties of today and tomorrow, I still have a dream.

I have a dream today.

I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character.

I have a dream today.

I have a dream that one day every valley shall be exalted, every hill and mountain shall be made low, the rough places will be made plain, and the crooked places will be made straight, and the glory of the Lord shall be revealed, and all flesh shall see it together.

I have a dream today.

This is our hope.This is the faith.With this faith we will be able to hew out of the mountain of despair a stone of hope.With this faith we will be able to transform the jangling discords into a beautiful symphony of brotherhood.With this faith we will be able to work together, to pray together, to struggle together, to go to jail together, to stand up for freedom together, knowing that we will be free one day.

I have a dream today.

And when this happens, when we allow freedom to ring, when we let it ring from every village and every hamlet, from every state and every city, we will be able to speed up that day when all of God's children, black men and white men, Jews and Gentiles, Protestants and Catholics, will be able to join hands and sing in the words of the old Negro spiritual, "Free at last! free at last! thank God Almighty, we are free at last!

I have a dream today.

00:00 / 03:49

Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum. 

Heute habe ich einen Traum.

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, wo sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden.

Heute habe ich einen Traum.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.

Heute habe ich einen Traum.

Das ist unsere Hoffnung. Das ist der Glaube. Mit diesen Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden.

Heute habe ich einen Traum.

Wenn wir die Freiheit erschallen lassen - wenn wir sie erschallen lassen von jeder Stadt und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Grossstadt, dann werden wir den Tag beschleunigen können, an dem alle Kinder Gottes - schwarze und weisse Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken - sich die Hände reichen und die Worte des alten Negro Spiritual singen können: »Endlich frei! Endlich frei! Grosser allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!

Heute habe ich einen Traum.

Agnus Dei

Agnus Dei qui tollis peccata mundi, miserere nobis.
Agnus Dei qui tollis peccata mundi, miserere nobis.
Agnus Dei qui tollis peccata mundi, dona nobis pacem.

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden.

00:00 / 03:16