Entstehungsgeschichte

In Gedenken an die Theater-Pionierin Hedy Maria Wettstein veranstaltet die Schauspielgruppe Kulissein Zusammenarbeit mit der Kantonsschule Küsnacht ein Wandertheater durch Küsnacht, welches durch die 800-jährige faszinierende Geschichte der Stadt führt. Als Abschluss dieser Veranstaltung findet in der reformierten Kirche Küsnacht ein Konzert statt.

Die Kantonsschule Küsnacht beauftragte im Sommer 2009 den Küsnachter Komponisten Martin Wettstein (nicht verwandt mit Hedy Maria Wettstein), für diesen Anlass ein stimmiges Werk zu schreiben für den Schulchor unter Heini Roth und ausgewählte Instrumentalistinnen und Instrumentalisten der Schule. Im Herbst 2009 wurde die Komposition fertiggestellt.

Klingender Mythos

Wettsteins Komposition führt musikalisch durch die Geschichte von Küsnacht und ergänzt so das vorangegangene Wandertheater. Die Musik beginnt in mythischer Vorzeit. Der endlose, windgepeitschte Lindtgletscher liegt mächtig über diesem Ort, die Zeit scheint in Kälte zu erstarren. Nach diesem Prolog, quasi senza tempo, fällt ein Drache vom Himmel, nach verlorenem Kampf mit den Engeln, und bedroht den idyllischen Ort am jungen Zürichsee. Da erscheint der heilige Sankt Georg und schlägt sich mit dem Ungeheuer. Abermals besiegt, zieht es sich in die Höhlen am Küsnachter Tobel zurück, leckt seine Wunden und versinkt in tiefen Genesungsschlaf. Tausende Jahre später, wenn der heilige Sankt Georg aus Küsnacht vertrieben sein und den Ort nicht mehr beschützen wird, erwacht der Drache wieder, öffnet seinen wasserspeihenden Rachen und bringt schlimmes Unheil über Küsnacht. Symbolisch für dieses vorsintflutige Geschehen ist der lateinische Text aus der Offenbarung des Johannes sowie Cäsars abgewandeltes „veni, vidi, vici“.

Evolution des Ortsnamens

Küsnachts Identität begann mit dem römischen Gutshof des Cossiniacus – fundus cossiniacus-, der sich auf der heutigen Allmend befand und weit über die Region bekannt war. Im letzten Jahrhundert der römischen Herrschaft, um 400 n. Chr., wanderten die germanischen Alemannen in unser Gebiet ein und liessen sich auch hier in Ufernähe nieder – und übernahmen die römische Bezeichnung cossiniacus.Im Laufe der Zeit passte sich dieses Wort immer mehr den alemannischen Lautgesetzen an und mutierte langsam zum modernen Küsnacht. Wettstein vertont diese sprachliche Evolution in einem Fugato und lässt dem Namen Küsnacht eine weitere, romantische Mutation angedeihen. Er widmet diesen Teil seiner Ehefrau Brigitte zum zehnten Hochzeitstag.

Die Johanniter

Ab dem 14. Jahrhundert prägten die Johanniter Küsnacht. 1358 kauften sie die Kirche, und 1411 wurde der Bau der Komturei fertiggestellt – die heutige Kantonsschule. Der lateinische Text, welcher auf den Gründerplatten des Fundaments steht, schwebt als dünne, zeitlose Melodie durch die Kirche. Der Johanniter Komtur Konrad Schmid (1476-1531) war neben Ulrich Zwingli eine wichtige Persönlichkeit der Zürcher Reformation; wäre er nicht zusammen mit Zwingli in der Schlacht bei Kappel gefallen, hätte er womöglich dessen Nachfolge angetreten. Conrad Ferdinand Meyer, der zeitweise in Küsnacht lebte, dichtete mit derRappe des Comturs eine grossartige Ballade, die den anfänglichen Siegestaumel eindrücklich in die Trostlosigkeit des heimkehrenden Rappen mutieren lässt. Die Vertonung dieses Textes bildet den Schluss der Kantate, welche eine knappe Viertelstunde dauert.

Uraufführung eines Torso

Eigentlich wäre die Kantate grösser angelegt, was aber den Rahmen und die Möglichkeiten der jetzigen Veranstaltung sprengen würde. Abgesehen davon kann ein Torso eine ganz eigene Schönheit ausstrahlen.

Es würde der grosse Regen folgen im Jahre 1778: Der Drache erwacht aus seinem tausendjährigen Schlaf und speit Wasser hinunter ins Dorf, das teilweise weggespült wird. Der Chor mimt die zunehmende Regenflut. Dann würde eine Ode an den Wein folgen mit der Vertonung eines weinseligen Gedichtes des jungen Goethes auf dem Zürichsee. Die Rebenwirtschaft war ja über tausend Jahre lang die Hauptbeschäftigung an den Ufern des Zürichsees. Geplant wäre ferner eine strettaüber ABBA’s money moneyals Referenz an die gegenwärtige Goldküste und kurze Kontemplationen aus Carl Gustav Jungs – auch ein Küsnachter – Rotem Buch. Beenden würde dann die Johanniter-Kantate C.F. Meyers in Klang gesetztes Gedicht der römische Brunnen, eine zeitlos-schöne Allegorie über das Leben.

Die Johanniter-Kantate ist der Kantonsschule Küsnacht, Ihrem Rektor Dr. Peter Ritzmann und dem musikalischen Leiter Heini Roth, in Dankbarkeit gewidmet.