EROSION

für Sinfonieorchester

Auftrag Musikkollegium Winterthur

Uraufführung 11. Mai 2016 Stadthaus Winterthur

Musikkollegium Winterthur

Michael Sanderling, Leitung

 

Ansichtspartitur

 

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,

darin die Augäpfel reiften. Aber

sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,

in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

 

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug

der Brust dich blenden, und im leisen Drehen

der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen

zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

 

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz

unter der Schultern durchsichtigem Sturz

und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

 

und bräche nicht aus allen seinen Rändern

aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,

die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

 

Rainer Maria Rilke: Archaischer Torso Apollos

 

 

 

 

 

 

Hundert Jahre nach der tumultuösen Uraufführung von Beethovens V. Sinfonie schrieb Rilke 1908 in Paris dieses Gedicht, welches die Vision des Orchesterwerkes EROSION treffend wiedergibt.

Beethovens Musik ist voller Licht und Klarheit. Sie überstrahlt über zwei Jahrhunderte, und auch zwei Weltkriege und der darauf folgende destruktive Zeitgeist konnten dieser Musik keine Kratzer zufügen. Sie strahlt eine übermenschliche Kraft und ein unerschütterlicher Glaube an das Gute aus.

 

Sie war zu Beethovens Lebzeiten ein Magnet für die Mitmenschen, und sie ist es heute ebenso, obwohl die möglichen Beweggründe für die Komposition - der Wunsch, Napoleon hinwegzufegen, das Akzeptieren des fortschreitenden Gehörleidens - längst irrelevant geworden sind.

Was aber, wenn diese apollinische Musik ebenso dem Alterungsprozess unterworfen wird, wie alles andere auch, das irgendwo und irgendwann im Universum erscheint? Diesen reizvollen Gedanken nahm ich zum Anlass, um musikalisch die Schönheit des Alterns zu ergründen.

 

In unserer Gesellschaft hat das Altern ja eher einen negativen Beigeschmack, und eine blühende Industrie lebt davon, die Spuren des Alterns zu verwischen. 

Dabei geht vergessen, wie schön, auch im ästhetischen Sinn, das Altern sein kann. Denken wir nur an eine mehrhundertjährige Eiche voller Furchen oder an eine Felswand, die in Jahrmillionen geschichtet wurde und durch die Verwitterung umso eindrücklicher wirkt. Ganz zu schweigen von einem guten Wein, welcher mit dem Alter an Komplexität und Wert gewinnt.

 

Das Altern ist zwar ohne Zweifel ein Zerfallsprozess mit dem Ziel der vollständigen Auflösung. Aber der Weg dorthin kann ungeahnte Wunder, Träume und Kostbarkeiten freisetzen. Die Erosion greift die lackierte Oberfläche an und lässt darunter ruhende, nie gesehene Juwelen sichtbar werden. 

 

Während der Umsetzungsarbeit, Beethovens Schicksalssinfonie natürlich altern zu lassen, ist dann tatsächlich etwas Andersartiges entstanden, als ursprünglich geplant. Darin liegt ja der Reiz des Komponierens: Die Transformation des ursprünglichen Plans zu etwas Neuem, gesteuert durch die schöpferische Kraft der Intuition, die sich niemals vollständig begreifen lässt.

 

Getrieben von Beethovens Intelligenz, Kraft und Schönheit, ist so eine weitere „Schicksalssinfonie“ entstanden, irgendwie verbunden mit dem 200-jährigen Vorbild, aber dennoch losgelöst, abgenabelt. Es entstand eine dreiteilige Zeitvision der Erde: 

 

PULSAR träumt von der Entstehung des Planeten, 

TORSO von den scheinbar ewig bleibenden Spuren der Evolution,

HALL schliesslich von der Erinnerung an Alles.

 

PULSAR

monolith

staub

schatten

sog

geburt

meteor

theia

hades

 

TORSO

ozean

kambrium

schicksal

 

HALL

explosion

L’homme armé: Agnus Dei

Presseecho

 

EROSION - Musikkollegium Winterthur, Michael Sanderling, Leitung
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